Man sollte immer auswendig spielen. Wenn man auswendig spielt, kann man besser zuhören, weil man nicht mit Notenlesen beschäftigt ist. Außerdem ist auswendig spielen eine gute Gehörbildung, weil man mehr nach Gehör spielt, wenn man keine Noten vor sich hat. Ein gutes Gehör wiederum gibt mehr Sicherheit beim auswendig spielen.
Lernen Sie neue Stücke auf folgende Weise: Lesen Sie einen Abschnitt mehrmals durch und prägen Sie ihn sich ein. Versuchen Sie dann, den Abschnitt auswendig zu spielen. Wenn Sie nicht weiter wissen, lesen Sie den Abschnitt noch mal durch und versuchen Sie wieder, ihn auswendig zu spielen. Stellen Sie die Noten nicht auf das Klavier. Ein Abschnitt sollte so lang sein, dass Sie ihn nach fünf bis zehn Versuchen auswendig spielen können.
Ich empfehle nicht, ein Stück ganz ohne Klavier nur aus den Noten auswendig zu lernen. Durch abwechselndes lesen, versuchen auswendig zu spielen, wieder lesen, wieder versuchen auswendig zu spielen usw. lernt man schneller und einfacher.
Lernen Sie nicht einzelne Töne auswendig, sondern Akkorde und wie sie verarbeitet sind.
Beispiel: Im türkischen Marsch von Mozart sind die Takte 1 bis 4 ein a-Moll-Dreiklang, die linke Hand spielt den Dreiklang aufgeteilt in a und c-e, die rechte Hand spielt Schleifen um die Töne des Dreiklangs. Die Takte 5 bis 8 sind ein e-Moll-Dreiklang mit einem kurzen Wechsel zu H-Dur in Takt 7. Die linke Hand spielt den Grundton e und die Quinte h des e-Moll-Dreiklangs, die rechte Hand geht zuerst hin und her zwischen der oberen und unteren Terz des Dreiklangs, dann geht sie weiter zum Grundton e, gleichzeitig springt die linke Hand von e nach h und zurück, dadurch ergibt sich vor dem abschließenden gemeinsamen e ein H-Dur-Dreiklang. A-Moll, e-Moll und H-Dur sind jeweils eine Quinte entfernt. Tonarten und Akkorde im Quintabstand sind das Grundmaterial der klassischen Musik.
Geben Sie ein Stück, das Sie einmal auswendig gelernt haben, nicht wieder aus der Hand. Wiederholen Sie es nicht zu oft, das kostet zu viel Zeit, aber wiederholen Sie es rechtzeitig, bevor Sie es so weit vergessen haben, dass Sie alle paar Takte in die Noten schauen müssen, wie es weitergeht.
Wenn man ein Stück oder eine Stelle ein- bis dreimal hintereinander gespielt hat, dann hat man damit seinem Gedächtnis eine Anregung gegeben. Das Gedächtnis verarbeitet diese Anregung selbständig weiter. Das Stück jetzt weiter zu üben, wäre Zeitverschwendung. Man kann sehr viel Zeit sparen, wenn man ein Stück erst dann wieder übt, wenn das Gedächtnis die letzte Wiederholung verarbeitet hat und das Stück sonst allmählich wieder vergessen würde.
Man kann eine Stelle öfter wiederholen, um verschiedene Fingersätze oder Spielweisen auszuprobieren. Auch dann sollte nach zehn oder zwanzig Wiederholungen aber Schluss sein. Manchmal fällt einem am nächsten Tag auf Anhieb eine Lösung ein.
Höchstens in den letzten zwei Wochen vor einem Konzert oder einer Prüfung oder einem Wettbewerb ist es sinnvoll, nur noch das Programm dafür zu üben, damit es möglichst präsent ist. Die Klavierstunde ist kein Grund, eine Woche lang nur dafür zu üben.
Zu viele Wiederholungen können die Hände kaputtmachen und wochenlanges, monatelanges Üben kann ein Stück kaputt machen.
Ein Stück, das man neu gelernt hat, sollte man noch am selben Tag und am nächsten Tag wiederholen, danach alle zwei bis drei Tage, nach einigen Wochen alle ein bis zwei Wochen, langfristig mindestens ein- bis zweimal im Jahr. In der Zwischenzeit kann man andere Stücke lernen oder wiederholen. So kann man ein wirkliches Repertoire aufbauen, also Stücke, die man nicht nur irgendwann mal gespielt und dann wieder vergessen hat, sondern die man jederzeit kurzfristig in einem Konzert spielen könnte.
Wenn Sie ein großes Repertoire von Stücken gelernt haben, dann haben Ihre Hände ein großes Repertoire von Bewegungsabläufen gelernt, d.h. Ihre Technik wird sicherer.
Wenn Sie alle zwei, drei Tage oder mindestens jede Woche andere Stücke üben, werden Sie eher ein guter Musiker, weil jedes Stück immer wieder einen neuen, frischen Eindruck auf Sie macht.
Das Gedächtnis kann insgesamt sehr viel aufnehmen, aber pro Tag nur eine relativ kleine Menge. Lernen = regelmäßig kleine Mengen neu lernen + rechtzeitig wiederholen. Wochen oder Monate, in denen man nichts neu gelernt hat, sind verlorene Zeit, die man nicht nachholen kann.
Wenn Sie Klavier spielen, stellen Sie sich vor, dass es ein Konzert ist. Stellen Sie sich vor, dass es Ihr letztes Konzert ist, dass Sie zum letzten mal Klavier spielen, dass Ihre Finger zum letzten mal auf den Tasten tanzen. Das ist eine gute Methode gegen Routine, gegen Lampenfieber und für eine bewusstere Einstellung.
Spielen Sie nicht gewollt ausdrucksvoll. Versuchen Sie nicht, ein Musikstück durch eine willkürliche Spielweise interessant zu machen.
Ausdruck ist nicht etwas, das man in ein Musikstück hineinpumpt, sondern jedes Musikstück hat einen innewohnenden Ausdruck und die Aufgabe des Pianisten ist es, diesen Ausdruck herauszuhören und das Stück so zu spielen, dass dieser Ausdruck deutlich wird.
Vergleichen Sie, wie es klingen soll und wie es tatsächlich klingt. Versuchen Sie zu hören, was unpassend oder störend wirkt. Probieren Sie aus, wo Sie lauter oder leiser, schneller oder langsamer, gebunden oder getrennt spielen müssen, wo Betonungen sein müssen, welche Stimmen Sie hervorheben oder zurücknehmen müssen, damit das Stück nachvollziehbar ist, eine Richtung hat, nicht zufällig irgendwie gespielt wirkt, nicht in der Luft hängt.
Suchen Sie die Stellen in einem Stück, die Dreh- und Angelpunkte für das Stück sind, an denen das Stück sozusagen aufgehängt ist. Versuchen Sie, diese Stellen so zu spielen, dass sie tatsächlich wie Dreh- und Angelpunkte wirken. Beispiel: Im türkischen Marsch von Mozart ist das hohe h in den Takten 5 bis 7 der Dreh- und Angelpunkt für die ersten 8 Takte, nicht das hohe c im 4. Takt.
Anweisungen des Komponisten sind keine Vorschriften, sondern Hinweise. Man spielt nicht Klavier, um Punkte dafür zu sammeln, dass man die Anweisungen des Komponisten befolgt. Es ist sinnlos, eine Stelle z.B. piano zu spielen, nur weil es in den Noten steht oder weil der Klavierlehrer es gesagt hat. Je nach dem, wie es klingt, muss man mehr oder weniger piano spielen.
Probieren Sie alle möglichen und unmöglichen Fingersätze aus, entscheiden Sie sich nicht sofort für einen Fingersatz, lassen Sie Ihre Finger den für Sie besten Fingersatz finden.
Bei schweren Stellen einer Hand helfe ich, wenn möglich, mit der anderen Hand aus. Wenn ich keine andere Lösung finde, suche ich Vereinfachungen, die möglichst wenig auffallen. Beispiel: Im 4. Satz der Sonate G-Dur D 894 von Schubert übernehme ich den Auftakt h in Takt 8 und die folgende Tonwiederholung auf c in Takt 9 mit der rechten Hand, beide Hände können so ihre Tonwiederholung mit Fingerwechsel 1 2 spielen. Im folgenden Takt 10 in der linken Hand lasse ich das 2. und 4. untere Achtel weg und kann so die oberen Achtel mit Fingerwechsel 2 1 spielen.
Auch bei relativ leichten Stellen kann die Verteilung auf beide Hände sinnvoll sein. Beispiel: Im 4. Satz der Sonate Op. 10 Nr. 3 von Beethoven in Takt 16 übernehme ich das 1. und 4. Achtel mit der linken Hand, so kann ich den Wechsel von legato-Sechzehnteln zu staccato-Achteltriolen schön deutlich machen.
Eine Methode, wie man schwere Stellen üben kann, ist die Einteilung in kurze Abschnitte. Vor jedem Abschnitt sollte man kurz anhalten, die Hand lösen und dann den Abschnitt aus einer lockeren Bewegung heraus spielen. Im Laufe der Zeit sollten die Pausen zwischen den Abschnitten allmählich kürzer werden und verschwinden.
Beispiel: Eine schnelle F-Dur-Tonleiter über eine Oktave rauf und runter würde ich in drei Abschnitte einteilen. Der erste Abschnitt ist f g a b, gespielt mit 1 2 3 4, der (minimale) Schwerpunkt ist auf dem ersten Ton. Der zweite Abschnitt ist c d e f e d c, gespielt mit 1 2 3 4 3 2 1, der Schwerpunkt ist in der Mitte auf f. Der dritte Abschnitt ist b a g f, gespielt mit 4 3 2 1, der Schwerpunkt ist auf dem letzten Ton.
Schwere Stellen sollte man ohne Metronom in dem Tempo üben, in dem man sie gerade noch exakt und locker, ohne zu schmieren und ohne zu verkrampfen, spielen kann. Wenn man bei schweren Stellen langsamer wird, sollte man sich dessen bewusst sein und das Tempo im Laufe der Zeit allmählich steigern. |